Gott spricht: Siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst.
1. Moses 28,15

Liebe Gemeinde,

im Mai war in unserer Gemeinde Konfirmation. Für die Jugendlichen selbst, aber auch für die Eltern und Paten ein wichtiges Datum: ein Stück mehr auf dem Weg zum Erwachsenwerden für die Jugendlichen, ein Stück mehr auf dem Weg des Loslassen für die Erwachsenen. Der Lebensweg -wie er aussehen wird und unter welchem Vorzeichen er steht -darum kreisen die Gedanken vieler, die mit der KonfIrmation in Berührung kommen: als diejenigen, die im Gottesdienst den Segen empfangen, als Eltern und Angehörige, Freunde und Freundinnen. In Herongen bekamen die Jugendlichen nach ihrer Konfirmation im Gottesdienst von der Presbyterin Frau Judenau ein auf Pappe ausgedrucktes Labyrinth, die Urkunden der Wachtendonker und Wankumer Konfirmanden schmückt das Bild vom Labyrinth der Jona-Kirche, das hinter dem Altar in die Mauer eingelassen ist.
Das Labyrinth ist ein Sinnbild des verschIungenen Lebens. Des Lebens, das
nicht geradlinig verläuft, sondern Wendungen und Biegungen hat und um eine Mitte kreist.
Wir verbinden heute mit Labyrinthen meist "Irrgärten", z.B. im Spätsommer hier in der Gegend die Maislabyrinthe: wo man sich so herrlich verlaufen kann. Aber im Ursprung ist das Labyrinth kein Irrgarten mit vielen verschiedenen Wegen, sondern ein einziger verschlungener Weg, der nach genauen Regeln konstruiert ist. Es führt nur ein Weg zur Mitte und wieder hinaus. II Kreise gruppieren sich um die Mitte herum, eine nicht gerade Zahl, die für die Unvollkommenheiten und Fehler in unserem Leben steht. Der Weg ins Labyrinth führt am Anfang ziemlich bald ganz in die Mitte, um sich dann wieder weit von ihr zu entfemen. Wer das Labyrinth in Chartres vom Anfang bis zur Mitte begeht, legt 300 Meter zurück, der geradlinige Weg von außen nach innen betragt 6,5 Meter...
Labyrinthe sind oft in Kirchen zu finden. Bei uns in der Jonakirche hinter dem Altar, in der alten Kathedrale von Chartres auf dem Fußboden des Mittelschiffs eingelassen. 900 Jahre ist es alt. Meist stehen Stühle darauf; aber an besonderen Tagen im Jahr werden die weggeräumt, und man kann das Labyrinth begehen.
Dann wird aus dem Andachtsbild ein Andachtsweg.
Wer ihn geht, wird dazu angeregt, den eigenen Lebensweg innerlich nachzugehen.
Ein verschlungener, nicht geradliniger Weg ist es. Ein Weg mit Kurven und Kehren. Sie führen weit weg von der Mitte, manchmal auch ganz nahe heran, ohne dass ich schon da bin.
Das kann gut auf viele Phasen des Lebens bezogen werden. Nah an der Mitte - und für die Labyrinthe ist das Gott - zu sein, oder sich auch zu entfernen, weit weg zu sein, von der Mitte nicht viel zu spüren...
Ich finde den Gedanken gut, dass man sich im Labyrinth nicht verirren kann. Dass es einen Weg gibt, den ich nur gehen muss. Dass man sich nicht verlieren, sondern finden kann.
Allerdings: ich darf nicht stehen bleiben. Ich muss mich auf den Weg machen. Ich muss in Bewegung bleiben. Anders geht es nicht.
Bei der Konfirmation haben sich die
Jugendlichen oft Sprüche ausgesucht, die mit dem Weg zu tun haben: Du, Gott, führst mich auf sicheren Wegen etwa aus dem 23. Psalm. Oder den Vers aus der Geschichte vom Traum Jakobs von der Himmelsleiter, wo es heißt: Gott spricht: ich will dich behüten, wo du hinziehst (I. Moses 28,15).
Diese Versprechen ist den Jugendlichen bei der KonfIrmation zugesagt worden.
Und es tut auch denen gut, deren Konfirmation schon länger oder lange zurückliegt, daran immer wieder erinnert zu werden.
Gut zu wissen, dass wir getragen werden. Dass unsere Wege nicht ins Nichts führen, sondern auf eine Mitte hin orientiert sind.
Ich wünsche euch, den gerade Konfirmierten, aber auch allen anderen, diese Gewissheit und grüße euch und Sie herzlich

Renate Wehner